Kaum ein Arzt im deutschsprachigen Raum führt neben seiner Praxis-Tätigkeit so viele begleitende Studien durch, wie der Schweizer Homöopath und Kinderarzt Dr. Heiner Frei. Seit 1996 veröffentlichte er klinische Studien über die homöopathische Behandlung der akuten Tonsillitis, Otitis media und ADS/ADHS sowie von multimorbiden Patienten. Zu diesen erscheint im Herbst im Haug-Verlag das Buch „Die homöopathische Behandlung multimorbider Patienten“. Darin entwickelt Frei die von ihm während der ADHS-Studie entdeckte Polaritätsanalyse weiter. Heiner Frei ist einer der Referenten des Symposiums „Inspiration Organon“, zu dem die Hahnemann-Gesellschaft vom 1. bis 3. Oktober nach Ingolstadt einlädt.
Sie arbeiten als Kinderarzt in der Schweiz in einer Grundversorger-Praxis und rechnen Ihre Leistungen über schulmedizinische Tarifpositionen ab. Für viele Homöopathen ist das nicht vorstellbar, weil das Zeitfenster, das dann für eine Behandlung zur Verfügung steht, nicht ausreicht.
Heiner Frei: Ich benötige für die Mittelbestimmung bei einer akuten Erkrankung ungefähr 20 Minuten, für einfache chronische Fälle 45 Minuten und für komplexe Fälle 1 1/2 Stunden. Das kann ohne besondere Homöopathie-Ziffern über die Kassen abgerechnet werden. Zum Vergleich: ein komplexer Fall erfordert in der Schulmedizin pro Jahr durchschnittlich 3,5 Stunden, eine homöopathische Behandlung desselben Patienten 4,5 Stunden. Das ist gar nicht so viel mehr.
Liegt es an der von Ihnen entwickelten Polaritätsanalyse, dass Sie so schnell sind.
Heiner Frei: Die Polaritätsanalyse trägt maßgeblich dazu bei. Sie ist eine Weiterentwicklung von Bönninghausens Konzept der Kontraindikationen. Dabei werden seine Erkenntnisse zu den polaren Symptomen systematisch umgesetzt, unter anderem mit Checklisten und Fragebögen, die den Blick der Patienten auf homöopathisch wertvolle Symptome lenken, und damit erlauben, das Wesentliche schneller zu erfassen.
Warum ist die Homöopathie 200 Jahre nach der Erstveröffentlichung des „Organon der Heilkunst“ nicht schon viel populärer?
Heiner Frei: Eines der Hauptprobleme ist die Aufsplitterung der Homöopathie in viele verschiedene Therapierichtungen, welche sie für Außenstehende unübersichtlich macht.
Für potentielle Einsteiger in die Homöopathie ist es deshalb schwierig sich zu orientieren, was zu einem Nachwuchsproblem geführt hat. Es wäre sehr hilfreich, wenn die Vertreter jeder Methode Verlaufsstudien erarbeiteten, mit denen sie Ihre Resultate dokumentieren. Wir haben das für die Polaritätsanalyse getan, und dabei erfreuliche Resultate nachweisen können.
In der Schweiz war die Homöopathie schon mal Teil der medizinischen Grundversorgung, ist aber wieder herausgenommen worden.
Heiner Frei: Das war nur ein befristeter Versuch, der 2005 beendet wurde. In der Volksabstimmung haben sich im vergangenen Jahr dann zwei Drittel der Stimmenden und sämtliche Kantone für einen Verfassungsartikel ausgesprochen, der die Politiker verpflichtet die Komplementärmedizin angemessen zu berücksichtigen. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Homöopathie ebenso wie TCM, Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie nach Durchlaufen des üblichen Aufnahmeverfahrens wieder in der Grundversorgung verankert werden.
Unvorstellbar, dass man in Deutschland solche Massen für die Homöopathie zur Teilnahme an einer Volksabstimmung bringt.
Heiner Frei: Ich denke, dass die Bevölkerung Deutschlands in Anbetracht der immer teurer werdenden pharmazeutisch-technischen Medizin heute sicher auch für eine Gleichstellung der alternativen Heilmethoden mit der Schulmedizin zu gewinnen wäre. Entscheidend für den Erfolg der Schweizer Abstimmung waren die guten Erfahrungen vieler Menschen mit der Komplementärmedizin und auch eine Ernüchterung über die Möglichkeiten der konventionellen Medizin. Die Stimmung der Schweizer Bevölkerung war so stark für die Komplementärmedizin, dass keine der Parteien es gewagt hat, Position gegen die Initiative zu beziehen. Alle wussten, dass sie sich mit einer Gegnerschaft selbst schaden würden.
Mehr Informationen und Anmeldeformulare zum Symposium „Inspiration Organon“ der Hahnemann-Gesellschaft in Ingolstadt finden Sie unter: www.inspiration-organon.de