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PD Dr. Josef M. Schmidt

Vortrag

200 Jahre "Organon" von Samuel Hahnemann - von der Heilkunde zur Heilkunst

Vor 200 Jahren (1810) publizierte Samuel Hahnemann die erste Ausgabe seines theoretischen Hauptwerks, das „Organon der rationellen Heilkunde“. Ab der zweiten Auflage (1819) änderte er den Titel in „Organon der Heilkunst“. Die fünfte Auflage (1833) erlangte – vor allem in ihrer amerikanischen Übersetzung – die größte Verbreitung und Bedeutung. Die sechste Auflage (1842) erschien erst posthum: 1921 auf der Basis einer handschriftlichen Abschrift (herausgegeben von Richard Haehl) und erst 1992 als textkritische Ausgabe des Originalmanuskripts (herausgegeben von Josef M. Schmidt).
Inhaltlich lassen die sechs Auflagen des Organons eine Kontinuität des Verfassers hinsichtlich der Grundprinzipien der Homöopathie erkennen, aber auch einen Wandel der Perspektive, der Akzentsetzung sowie der Emphase. Hahnemanns ursprünglich eher phänomenologische Betrachtungsweise vor allem akuter Symptome wich zum Beispiel einer mehr auf Kausalerklärung abzielenden Erforschung vorwiegend chronischer Krankheiten. Seine Abgrenzung gegenüber der Allopathie wurde massiver – ebenso wie sein Anspruch, den einzig richtigen und möglichen Heilweg gefunden zu haben (§ 53). Trotz dieser Verhärtungen in der Dogmatik zeigte sich Hahnemann bis zuletzt offen und flexibel in Fragen der praktischen Anwendung seiner Lehre.
Zur Beurteilung der Relevanz des Organons für die Homöopathie heute ist es hilfreich, drei Ebenen zu unterscheiden: 1. praktische Anweisungen und Maximen, 2. theoretische Erklärungen und Hypothesen sowie 3. konzeptuelle Grundlagen und Voraussetzungen. Je nach Kontext könnten die jeweiligen Aussagen dann 1. empirisch überprüft, 2. medizintheoretisch diskutiert oder 3. medizinhistorisch erklärt bzw. philosophisch eingeordnet werden.
Zusammengehalten und belebt wird das ganze Gebäude des Organons aber durch die konsequent praxisorientierte Haltung ihres Begründers, der sich als „echter Heilkünstler“ begriff. Insofern dürfte eine angemessene Auslegung und Anwendung des Organons nicht nur wissenschaftliche, sondern auch künstlerische Qualitäten erfordern. Für die Medizintheorie besteht die Herausforderung darin, den Primat der Heilkunst, wie ihn Hahnemann – bei allem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit – verwirklicht hat, herauszuarbeiten und zu würdigen.

 

Zeit: Samstag, 02. Oktober 2010 von 12.15 Uhr bis 13.00 Uhr

Über den Referenten

PD Dr. med. Dr. phil. Josef M. Schmidt

PD Dr. med. Dr. phil. Josef M. Schmidt ist Facharzt für Allgemeinmedizin / Homöopathie und Privatdozent für Geschichte der Medizin an der Universität München.

Er ist bekannt durch seine Bearbeitungen von Hahnemanns „Organon der Heilkunst“ (Textkritische Ausgabe 1992, Standardausgabe 1996, Neuausgabe mit Systematik und Glossar 2003), sein Grundlagenwerk zu Hahnemanns philosophischen Vorstellungen (1990), den Taschenatlas Homöopathie in Wort und Bild (2001) und viele andere Werke.

1991–1992 Research Associate an der University of California, San Francisco, 1992–2005 Lehrbeauftragter für Geschichte der Homöopathie an der Universität München, 1993 Professor Alfons Stiegele Forschungspreis für Homöopathie, 1995–2001 Studienkoordinator am Krankenhaus für Naturheilweisen in München, 2005 Habilitation für Geschichte der Medizin. Seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.